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:Redebeitrag der Anarchist Federation (Lübeck) zu den Synagogenbränden

Am 25. März 1994 brannte nachts die Lübecker Synagoge. Schon nach kurzer Zeit wurde klar, dass es sich bei den Tätern um vier rechtsextreme Jugendliche handelte, die mit Molotov-Cocktails das zu der Zeit einzige jüdische Gotteshaus in Schleswig-Holstein anzündeten.

Die Familie des Kantors, die in dem Synagogengebäude lebte, entdeckte das Feuer zum Glück rechtzeitig, sodass niemand verletzt wurde. Den Tod der Familienmitglieder nahmen die Nazis in Kauf, ebenso jede weitere Form von psychischen und physischen Verletzungen. Sie wussten, dass in der Synagoge Menschen lebten. Dies ist durch Klingelschilder am Tor der Synagoge offen ersichtlich.

Trotzdem wurden die vier Neonazis nur wegen Brandstiftung verurteilt, einer von ihnen sogar nur wegen Beihilfe zur Brandstiftung. Wenn man in der Sprache des deutschen Rechtsstaates sprechen möchte, hätte die Verurteilung auf versuchten Mord in mehreren Fällen lauten müssen. Dies soll nicht heißen, dass wir Forderungen irgendeiner Art an den Staat stellen möchten, da er in keiner Weise als geeigneter Gefährte im Kampf gegen Rechtsextremismus und für eine Welt frei von Rassismus, Antisemitismus und anderen Ideologien, die Menschen selektieren und gegeneinander aufhetzen, sein kann.

Vielmehr steht der Staat auf der Seite derjenigen, die von dieser Ausgrenzung und Unterdrückung von Menschen profitieren und diese somit nicht bekämpfen wollen. Der deutsche Staat betreibt selber aktive Selektierung, indem in Deutschland lebende Flüchtlinge in Krisen- oder Kriegsregionen abgeschoben werden und Menschen an den EU- und BRD-Außengrenzen nach ihrer Verwertbarkeit für die deutsche Wirtschaft aussortiert werden.

Kaum einen Monat nach der Verurteilung der vier rechtsextremen Jugendlichen brannte es schon wieder auf dem Gelände der Synagoge. Diesmal war es ein Anschlag auf einen an die Synagoge angrenzenden Schuppen, der ausbrannte. Dieser Brandanschlag wurde in der Nacht auf den 8. Mai 1995, den 50. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, verübt. Außerdem wurde in derselben Nacht noch ein Brandanschlag auf ein von MigrantInnen und aktiven Antifas bewohntes Haus in der Lübecker Altstadt verübt. Bundesweit kam es in dieser Nacht in allen Teilen Deutschlands zu Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gedenkstätten. Der Anschlag auf die Synagoge in Lübeck hatte angeblich keinen politischen Hintergrund.

Das sehen wir anders! Niemand greift wahllos eine Synagoge mit Molotov-Cocktails oder anderen Brandbomben an, niemand entscheidet sich dazu, ein jüdisches Gotteshaus anzuzünden oder zu schänden, niemand zerstört jüdische Gedenkstätten oder Friedhöfe, ohne entsprechendes antisemitisches Gedankengut, den Hass auf Menschen jüdischen Glaubens und den Willen, sie zu töten oder zumindest aus der Gesellschaft auszugrenzen.

Die Anschläge waren die ersten in Deutschland auf eine Synagoge nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes und dem Zweiten Weltkrieg. Sie erinnern uns an die Bilder, die wir von der Reichspogromnacht kennen. Wieder werden Jüdinnen und Juden in Deutschland aufgrund ihres Glaubens stigmatisiert, ihre Gotteshäuser werden angegriffen, Friedhöfe zerstört, die Vorurteile, welche sich seit dem Nationalsozialismus kaum verändert haben, werden heute wieder neu aufbereitet und von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung aufgenommen und weiterverbreitet.

In unserer Gesellschaft herrscht ein Klima, in dem die falschen Gesinnungen gedeihen, Rassismus, Antisemitismus, Faschismus. Dies erkannte schon 1994, nach dem Brandanschlag, bei dem auch das Leben seiner Familie in Gefahr war, der Kantor der Lübecker Synagoge.

Auch in diesem Jahr, am nächsten Samstag, werden Neonazis aus dem Umfeld von NPD und sogenannten "freien Kräften" versuchen, in Lübeck eine Demonstration durchzuführen. Wie auch in den Jahren davor geht es ihnen um die Erinnerung an die Opfer der Bombardierung Lübecks im Jahr 1942. Sie wollen erreichen, dass die Erinnerung an die einseitig als Opfer titulierten Deutschen dazu führt, dass ein positiver Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus wieder möglich wird, ebenso sollen die Kriegseinsätze der Alliierten in ein menschenverachtendes Szenario umgelogen werden, was es den Nazis erleichtern soll, die Verbrechen des Nationalsozialismus, ihrem ideologischen Leitbild, zu verharmlosen. Sie verdrehen Ursache und Wirkung, sie verschweigen die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus, welche den grausamen Massenmord an Jüdinnen und Juden, an Sinti und Roma, an Homosexuellen, Behinderten, AntifaschistInnen und vielen anderen zum Programm hatte. Hinter dieser Ideologie stand ein Großteil der deutschen Bevölkerung. Der Versuch, diese Idee einer Welt, in der Menschen industriell vernichtet werden sollen, in der kein Platz ist für Menschen, die nicht in ein herbeihalluziniertes Bild eines starken Menschen passen, zurück in die Gesellschaft zu tragen, muss entschlossen verhindert werden. Wir werden uns am nächsten Samstag in St. Lorenz die Naziroute vornehmen. Wir werden viele sein, wir werden offensiv sein, wir werden kreativ sein. Wir werden an diesem Tag, wie auch an jedem anderen Tag, dafür sorgen, dass die Nazis keinen Meter weit kommen und somit auch an diesem Tag keine Chance haben werden, ihre menschenverachtende Hasspropaganda öffentlich und ungestört zu verbreiten. Hierbei werden wir uns auch nicht von der Polizei abhalten lassen, welche mit allen Mitteln versuchen wird, den reibungslosen Ablauf der Nazidemo abzusichern. Wir werden die Konfrontation mit der Polizei nicht suchen, aber sie auch nicht scheuen.

Antisemitismus, Rassismus und Faschismus entschlossen entgegentreten!
Egal wo, egal wann!
Für eine Welt in Freiheit, Liebe und Solidarität!
Für den Anarchismus!